Biografie


Lebenslauf    

26.11. 52: geboren in Frankfurt am Main
1973: Abitur am Christian – Wirth - Gymnasium in Usingen
1974-78: Studium der Romanistik, Anglistik , Politikwissenschaft in Frankfurt
1974: Mitbegründer der Stadtzeitung „Pflasterstrand“.  Arbeit als Redakteur  und Fotograf
1975: Gründung der Fotoagentur „Moskito“
1977: mehrmonatige  Fotoreise  durch die USA 
ab 1977:  Arbeit als Bildreporter für die „tageszeitung“ u. a.
1978:  Lehrassistenz an der CES-La Fontaine in Paris
1980: Fotografische Gestaltung des Buchs  „Rock gegen Rechts“
1979- 1984: Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB)
ab 1980: Arbeit als „drehender Kameraassistent“ beim ZDF, Studio Berlin u. Mainz und beim HR
1984: Diplom an der DFFB: „The Sound of Freedom“  (Abschlußfilm dffb)
- Preis der deutschen Filmkritik (Int. Kurzfilmtage Oberhausen)  
- Bester Dokumentarfilm (Filmfest München)
- Preis der demokr. Weltjugend (Intern. Dokfilmfestival Leipzig)
seit 1984: Arbeit als freier Filmemacher, Kameramann, Drehbuchautor, Cutter
1985: Gründung einer eigenen Filmproduktionsgesellschaft
seit 1986: Lehraufträge an der Deutschen Film u. Fernsehakademie Berlin, an  der Eberhard Karls Universität , Tübingen, an der Universität Paderborn, FB Medienwissenschaften, an der „Scuola die Documentario, Televisione e Nuovi Media“, Bozen, an der „Hochschule für Gestaltung“, Offenbach, am Filmhaus, Frankfurt,
2003/04: Leitender Berater der Projektgruppe „Documentaries work for NGOs and NPOs“,  ESODOC, einer Gemeinschaftsproduktion von Campus, Lucca, ZELIG, Bozen, Andrzej Wajda Master School of Film Directing, Warschau, URIHI, Mailand, Videoplay, Rom, Article Z, Paris, Doc/it, Bologna, Università della Svizzera Italiana, Lugano, Journées Européennes du Cinéma et de l´Audiovisuel, Paris und C.I.E.S., Rom.

Seit 2004: Berufener Professor an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Media

Thomas Carlé und Peter Schmidt und Günther Puchta beim Bolex Kurs 1980 in Berlin.

Filme (Auswahl)

1982: Fesseln spürt, wer sich bewegt (Erstauff. : Dokfilmfestival Duisburg)
1984: The Sound of Feedom, Preis der deutschen Filmkritik (Int. Kurzfilmtage Oberhausen), Bester Dokumentarfilm (Filmfest München), Preis der demokr. Weltjugend (Intern. Dokfilmfestival Leipzig)
1985: So long Cowboy , ZDF, experimenteller Spielfilm
1987: Antrag auf Liebesheirat, ZDF, Das kl. Fernsehspiel
1988: Schüsse, Dokumentarfilm
1990: Wertvolle Jahre, ZDF, Das kl. Fernsehspiel
1990: Leben, Lieben, Abschiednehmen, 3 Dokumentarfilme für „Doppelpunkt vor Ort“
1990: Umweltmagazin, ZDF, Realisation diverser Beiträge 
1992/93: Zeitsprung, ARD, Umweltmagazin, Realisation diverser Beiträge 
1993: Männer auf Rädern, Spielfilm, ZDF, 3-Sat, arte, Adolf Grimme Preis
1993: Last Exit Hanau, arte, Adolf Grimme Preis  Nominierung
1994: Unter Putz, arte, Kurzspielfilm für den Themenabend “Familienbilder“
1995: Sinn Los, D.O.P. Supervision, Schnitt, Preis der dt. Filmkritik, Oberhausen
1996: Das Märchen von Super - Mario, arte, SWR, Deutsche Welle, Buch, Regie, Kamera, Schnitt
1996: Außer Boxen ist alles langweilig, Dokumentation, Kamera
1997: Drachentanz, Kurzspielfilm, Supervision
1998: Die Tour der Frauen, arte, Reportage, Regie, Kamera, Schnitt
1998: Das Versprechen der Fotografie, Dokumentation für das Kuratorium der DG-Bank, Produktion, Kamera, Schnitt
1998: Pieces, Dokumentation des Werks des New Yorker Künstlers Robert Barry für die DG-Bank, Ffm
1999: Ensemble Moderne 1-2-3, Herstellung von vier experimentellen Video - Clips für musikalische Performances
1999: La Fleuve, Gebrochenes Weiß u.a. , Herstellung und Gestaltung diverser Videos für den Künstler Otmar Hörl
1999: Henner D., HR, Porträtfilm, Regie, Kamera, Schnitt,
2000: Das schwarze Licht, Dokumentarfilm, Kamera, in Arbeit
2002: Der Schrei ohne Schmerz, Dokumentarfilm, Kamera, Supervision
2002: The Doubleganger, Spielfilm, Buch
2003: Mary´s Quasselbude, Dokumentarfilm, Produktion, Kamera, Supervision in Malawi
2003: Ni Dieu Ni Maitre, Dokumentarfilm, Projektbetreuung
2003/04: Güngör, Dokumentarfilm, Supervision
2003/04: Der King und Ich, Buch, Regie, Kamera, Schnitt
2005: Wacken rules, Trailerfilm für „Full Metal Village“, Kamera
2006: Rewind and Replay, Dokumentarfilm, Projektbetreuung, Hessischer Hochschulfilmpreis 2006
2006/07: Full Metal Village, Dokumentarfilm, Co-Regie, Regie. Sung-Hyung Cho, Hessischer Filmpreis 2006, Preis des Landes Schleswig Holstein, Max Ophüls Preis, Saarbrücken 2007

Thomas Carlé und Kameramann Winfried Kucharski am Set von "So long Cowboy" 1986

Ein Porträt des Filmemachers Thomas Carlé
von Martin Loew (Filmhaus Frankfurt) aus dem Jahr 2000 

Irgendeiner ist immer auf dem Fahrrad unterwegs. Ob mit der Unbeschwertheit eines spielenden Kindes, ob mühselig über verschlammte Waldwege an der Startbahn West holpernd oder mit dem Enthusiasmus des dem Mythos Fahrrad verfallenen Mannes Alpenpässe erklimmend. In Thomas Carlés Filmen ist Fahrrad fahren mehr als Fortbewegung. Indem seine Filme alle Möglichkeiten der Bildsprache nutzen, Toncollage und Originalkommentar integrieren, erhalten scheinbar banale Gegenstände oder Tätigkeiten eine durch den Kontext definierte Symbolkraft. Resultat sind eine Fülle von fein beobachteten Details und eine intensive Nähe zum behandelten Thema.

Seinen ersten Film "Fesseln spürt, wer sich bewegt" realisiert der gebürtige Frankfurter 1982. Zu dieser Zeit ist er noch Student an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Zusammen mit Dietmar Klein, der für den Ton zuständig ist, lebt er vorübergehend im Hüttendorf der Widerstandsbewegung gegen den Bau der Startbahn West. Die Drehbedingungen sind widrig. Die Filmemacher müssen sich vor den Schlagstöcken der Polizei, vor Tränengas und Wasserwerfern in acht nehmen. Die belichteten Filmkassetten werden auf kilometerlangen Fußmärschen in Sicherheit gebracht.

Wiewohl Carlé an seiner Haltung gegen den Bau der Startbahn keinen Zweifel aufkommen läßt, zeigt er doch in "Fesseln spürt, wer sich bewegt" auch die Widersprüche innerhalb der Bürgerinitiativen. Filmt die, die im Hüttendorf leben und die, die Sonntags hinradeln, um mal zu gucken. Den Argwohn, den die Bewohner der Anrainergemeinden dem Hüttendorf und seinen Bewohnern entgegenbringen ebenso wie den internen Zwist über die geeignete Form des Widerstands.

In der Folge arbeitet Carlé an zwei unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit dem Einfluß amerikanischer Kultur: "The sound of freedom" (1984), sowie "So long Cowboy" (1986) einem Dokumentar- und einem Spielfilm über die Stationen einer Amerikanisierung. Auch hier dominiert der persönliche Blick, die eigene Geschichte Carlés, der 1952 geboren wurde. Wie die meisten seiner Generation wird er mit Cola und Jeans groß, bewundert Amerika und die durch die GIs vermittelte Kultur. Wie viele verspürt er den Bruch im Verhältnis zu den USA, der durch den Vietnamkrieg ausgelöst wird und sich bis zum - als Antiamerikanismus gebrandmarkten - Widerstand gegen die Stationierung von Atomraketen in Deutschland zieht.Zu dieser Zeit arbeitet Carlé vor allem fürs ZDF. Die Zusammenarbeit mit den Redaktionen sei damals einfacher gewesen, erinnert er sich. Der Sender verließ sich beim Kauf des Exposés auf die Fähigkeiten des Filmemachers und mischte sich bis zur Rohschnittabnahme wenig bis gar nicht in die Gestaltung des Filmes ein. Besonders positiv ist ihm die Zusammenarbeit mit Brigitte Kramer von der Redaktion "Kleines Fernsehspiel" im Gedächtnis geblieben.

Seine Vorbilder sieht er selbst im Bereich der fake-documentary und dem cinéma vérité. Und er verfolgt in seinen Filmen immer einen autobiographischen Ansatz. Auf ganz besondere Weise kommt dies im Film "Antrag auf Liebesheirat" (1987) zum Ausdruck, der die lange Geschichte vom Verlieben bis zur endlich genehmigten Heirat des Amerikaners Peter mit der Ostdeutschen Cornelia erzählt. Die Geschichte ist auch Carlés eigene, der seine spätere Frau auf der Dokumentarfilmwoche 1984 in Leipzig kennenlernte. Und doch auch wieder eine andere. Denn Peter ist Jude. Seine Mutter, die aus Deutschland fliehen mußte, steht der Heirat ihres Sohnes mit Skepsis gegenüber. "Wir müssen eine Menge Vertrauen in dein Urteil haben", sagt der Vater. Aber auch Cornelias Angehörige äußern ihre Zweifel: Der Bräutigam könnte ja auch Mädchenhändler sein, ein in Amerika normaler Beruf. Der Film wurde, soweit in der DDR aufgenommen, auf dem damals neuen Video8-Format, mit versteckter Kamera quasi aus der hohlen Hand heraus gedreht. Das Material schmuggelte Carlé am Körper versteckt über die Grenze.

1988 setzt Carlé mit der kurzen Dokumentation "Schüsse" seine filmische Auseinandersetzung mit dem Bau der Startbahn West fort. Zwei Polizisten wurden im Wald an der Startbahn erschossen. Er hört am Morgen die Nachricht im Radio und ist kurz darauf unterwegs. Fängt Reaktionen der Bevölkerung ein und mischt sie mit Szenen der Trauerfeier in der Frankfurter Paulskirche. Und 1990 schließlich folgt mit "Wertvolle Jahre" der Versuch, den Weg vom gewaltfreien zum gewaltsamen Widerstand exemplarisch nachzuzeichnen - am Werdegang des damals inhaftierten Frank Hoffmann, dem die Todesschüsse an der Startbahn West zur Last gelegt worden waren.

Der Film wird unter der Aufsicht eines Justiziars des ZDF fertiggestellt. Der Sender will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Propaganda für den gewaltsamen Widerstand zu machen. Größter Erfolg von "Wertvolle Jahre" ist später, dass er, von einem Richter angefordert, beim Prozeß gegen Frank Hoffmann gesehen wird und einen weiteren Entlastungszeugen auf den Plan ruft. Hoffmann wurde schließlich freigesprochen.
In "Männer auf Rädern" (1993) steht der Mann als Fahrradfahrer im Mittelpunkt, wieder ein Thema, das auf Carlés eigenen Erfahrungen basiert. In der fiktionalen Dokumentation kommt der Protagonist Felix per Führerscheinentzug auf den Drahtesel. In kurzer Zeit gerät er in immer stärkere Abhängigkeit zu dieser neu gewonnenen Freiheit. Das Hollandrad weicht der Rennmaschine. Die Touren werden immer länger und härter. Carlé erlaubt sich mit diesem Film seinen eigenen Traum vom echten Spielfilm wenigstens teilweise zu verwirklichen.

Bei der Trennung zwischen Spielfilm und Dokumentation gibt es für Carlé ohnehin keine feste Grenze. "Ein gut gemachter Dokumentarfilm nutzt die gleichen dramaturgischen Mittel wie die Fiktion, um sein Thema spannend zu gestalten", glaubt er. Nur, daß die Sender bei dieser erzählerischen Freiheit immer weniger mitspielten. Mittlerweile wollten sie in den Redaktionen bei einer Dokumentation jede Sekunde mit Off-Kommentaren überlagert haben, ist seine Einschätzung. Was in der Frühzeit des Fernsehens noch als "Kinderkrankheit" angesehen wurde, daß eigentlich nur Hörfunk mit Bildern produziert wurde, sei auch heute wieder vermehrt Stilmittel.

Die Digitalisierung der Aufnahmetechnik und die daraus resultierenden Kosteneinsparungen für die Produktion haben es Carlé schließlich vor zwei Jahren erlaubt, sich aus dem Geschäft der Auftragsarbeiten für die Sender zurückzuziehen. Er sei jetzt wieder "independent filmmaker", gesteht er lächelnd. Natürlich auf Kosten seines Geldbeutels. Aber mit wiedergewonnener Freiheit bei der Konzeption und Gestaltung seiner Filmprojekte.

Der Schneidetisch, der seine Wohnung dominiert, ist um ein digitales Bildschnittsystem erweitert worden. Denn Carlé übernimmt bei seinen Filmprojekten die meisten Arbeiten selbst. Vom ersten Entwurf über das Konzept bis zum Drehbuch, Regie und Kameraarbeit, schließlich Schnitt und Vertonung - alles geht durch seine Hände. So entsteht höchstens ein längerer Film pro Jahr. Dafür aber von unverkennbarer Handschrift und bemerkenswerter Qualität, wie vielfache Auszeichnungen belegen: "The sound of freedom" etwa heimste Preise in Oberhausen, Leipzig und München ein, für "Männer auf Rädern" bekam er den Adolf Grimme Preis und "Last Exit Hanau", eine Dokumentation über die Auswirkungen der 68er Bewegung in der hessischen Provinz, wurde für den Grimme Preis nominiert.

Einen Zusatzverdienst, der die neue, alte Unabhängigkeit erleichtert, ermöglicht die Lehrtätigkeit, die Carlé unter anderem an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, der Universität Tübingen, der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, der Filmschule Bozen und Filmhäusern wie dem Frankfurter immer wieder ausübt.

In der Reportage"Im Schatten der Giganten" (1998) setzt sich Carlé ein weiteres Mal explizit mit dem Thema Fahrrad auseinander. Wiewohl die Tour de France der Frauen kein solches Medienspektakel ist, wie der männliche Wettbewerb sind die Anforderungen an die Fahrerinnen nicht geringer.

Sein jüngster Film ist ein Porträt über Henner D., einen Freund Carlés, der sein Leben, trotz aller Existenznot, seinem künstlerischen Schaffen widmet. Der Film hatte auf der Frankfurter Filmschau 2000 Premiere. Und wie in allen Filmen Carlés ist auch hier der persönliche Zugang, der hinter den einfühlsamen Beobachtungen steht, ersichtlich. Denn der Kampf um persönliche Freiheit ist ein alltäglicher geworden, nicht mehr wie früher an ein Ereignis wie Startbahnbau oder Friedensbewegung gebunden. Und in bezug auf sein filmisches Schaffen hat Thomas Carlé mit seiner Abkehr von der Senderbindung eine gewisse Freiheit wiedererlangt.

Beim Dreh von " Unter Putz" , 1994