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Wertvolle Jahre

BRD 1990
Dauer: 65 min
Format: 16 mm, Farbe

"Generalbundesanwalt Rebmann hat mich als die Person aufgebaut, die es gewesen sein soll" erklärt der junge Mann zu Beginn des Films. Frank Hoffmann, so die Bundesanwaltschaft, ist dringend verdächtig, am 2. November 1987 während einer Demonstration an der Startbahn - West gemeinsam mit dem 35jährigen Andreas Eichler zwei Polizisten erschossen zu haben.

"Wertvolle Jahre" stellt nicht die Frage nach dem Tathergang, rekonstruiert nicht den Mordanschlag, sondern versucht eine Entwicklung aufzuzeigen, an deren Ende die Ermordung der beiden Polizisten steht. Frank ist ungefähr so alt wie die Startbahn - West. Als er 1963 geboren wurde, kommen erstmalig Pläne an die Öffentlichkeit, dass im Süden des Frankfurter Flughafens ein 400 Hektar großer Waldstreifen einer dritten Startbahn geopfert werden soll. Die kommenden, jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um dieses naturzerstörende Großprojekt werden nicht nur Franks Leben verhängnisvoll beeinflussen. Als er 1974 mit seinen Eltern nach Walldrof zieht, ahnt noch niemand etwas davon.

Pressestimmen

Dunkler Horizont

Keine Angst, auch nach diesem eher düsteren Nachtfilm ist kaum damit zu rechnen, dass terroristische Vereinigungen neuen Auftrieb bekommen. Da wirkte die kalte Wut, die für manchen Startbahn-West-Gegner auch zehn Jahre „danach“ noch aus den Protestbildern sprechen mag, denn doch zu eingedämmt von den Molltönen drum herum. Müßig indes, darüber zu spekulieren, um wieviel spannender, aufreizender die Dokumentation wohl gewesen wäre, hätten die ZDF-Justitiare vorab nicht ein so wachsames Auge darauf geworfen – der Dramaturgie nach hätte sich so oder so ein anderes Schlussbild zwingend angeboten: das eines Verlorenen ohne Perspektive. Man habe doch nebeneinander hergekämpft, sagt der des zweifachen Polizistenmordes verdächtigte Inhaftierte Frank Hoffmann und hat damit selbst den vielleicht wundesten Punkt des erklärten „Autonomen“ getroffen – wie sollte man da Freude haben?
Tiefer gehende Fragen, etwa nach den Binnenstrukturen der sogenannten Autonomen-Szene, wollten (konnten?) Thomas Carlé und Gruscha Rode dem Zuschauer offenbar nicht zumuten- immerhin ist der Ausgang des Mordprozesses ungewiss, wer wollte da leichtfertig Ermittlungshilfe leisten? Andererseits vollzieht das Langzeitprotokoll damit auch nur wieder die Hilflosigkeit gegenüber gesellschaftlichen „Randgruppen“ nach, in den Worten der Mutter: Warum gerade er, warum nicht auch die, die doch genauso „Unfug getrieben“ haben? Wohlgemerkt, dies sagt eine Frau, die wie viele „Bürgerliche“ selbst dabei war. Jedenfalls bis zum Oktober 1981, als das Bundesverfassungsgericht das schon eingeleitete Volksbegehren gegen die Startbahn abwies mit der Folge, dass nun manche in die Illegalität ging.
Wie sich an der Frage der Gewalt die Geister schieden, dieser Prozesss kristallisiert sich anschaulich an der Familie Hoffmann, hier vor allem in der biografischen Skizze des Sohnes, die in dokumentarische Videoaufnahmen eingebettet ist. Das ist, aus gutem Grund, nicht immer schlüssig und eindeutig, schon gar nicht findet eine heldische Verklärung dessen statt, was eher ambivalent unter „wertvolle Jahre“ zu verstehen wäre. Es schein viel mehr als würde der Blick zurück erst recht den Horizont verdunkeln und damit auch die politische Perspektive. (Roland Trimm, Süddeitsche Zeitung, 30.05.1990)

Gut recherchiert

Als die Auseinandersetzungen um die Startbahn West 1981 begannen, war Frank Hofmann fast noch ein Kind. Heute, mittlerweile 24jährig, wartet er in Untersuchungshaft auf das Ende des Prozesses. Die Anklage lautet, im November 1987 bei den Tumulten zwei Polizeibeamte ermordet zu haben. Dies jedoch streitet er beharrlich ab. Thomas Carlé und Gruscha Rode sind der Frage „Wie kam es dazu?“ nachgegangen. Akribisch verfolgte das Autorenteam, ohne den Beitrag selbst zu kommentieren, die Radikalisierung im Kampf um die Startbahn zurück. Zu Wort kamen neben betroffenen Bürgern Familienangehörige des Angeklagten, denen noch heute das Entsetzen über die Ausschreitungen von Polizeikommandos gegen friedliche Demonstranten ins Gesicht geschrieben steht. Für Frank steht fest: „Die wollten keine friedliche Lösung mehr zulassen.“

Der Ausbau des Frankfurter Flughafens geht weiter – der Mammutprozess gegen Frank Hoffmann und andere Autonome ebenfalls. Ein Präzedenzfall bahnt sich an, mit dem, so ein mit der Verteidigung betrauter Rechsanwalt, untersellt werden soll: „Wer Strommasten umsägt, schießt auch auf Menschen.“ Wie wenig diese Kurzformel greift, vermochte die nicht unparteiische, aber gut recherchierte Dokumentation stichhaltig zu belegen. (Astrid Heinrich, Kölner Stadtanzeiger 30.05.1990)